Mein. Kind. Beisst.

kinder im sand

Eigentlich sollte ich schlafen. Ich habe den Schlaf weiß Gott notwendig (wie (fast) alle Mütter bestimmt tief nickend und am Kaffee schlurfend bestätigen werden). Meine Augenringe gehen bis zum Kinn. Und ich werde bestimmt weiter wenig Schlaf bekommen, bis Minime 18 ist. Oder beginnt dann die nächtliche Sorge der Diskoszene? Ahhh… auf jeden Fall rattert mein Hirn, lässt mir keine Ruhe, obwohl Minime (ausnahmsweise einmal) ruhig schläft. Ich könnte jetzt endlich mal ein paar Stunden am Stück schlafen. Aber nein, stattdessen male ich mir immer wieder die Szene vom Spielplatz aus.

Minime ging zu einem Kinderwagen. Darin saß ein etwa gleichaltriger Junge. Er fuhr mit seiner Hand über ihren Kopf und da: piekste ihr ins Auge. Sofort schoss meine Hand los, aber ich war trotzdem zu langsam. Minime biss ihm in die Hand. Ich zog sie weg, so schnell ich konnte. Der Junge begann fürchterlich zu weinen. Ich versuchte, ihn sofort zu beruhigen und nachzuschauen, ob und wie schwer er verletzt ist. Entschuldigte Minime und mich. Gleichzeitig nahm ich Minime auf den Arm und erklärte ihr, dass sie nicht beißen darf.
Die Mutter holte den Jungen aus dem Wagen und schrie auf Minime ein, dass beißen ganz gefährlich sei. Immer und immer wieder. Ganz gefährlich. Mich ignorierte sie. komplett. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass in die Augen pieksen auch nicht ganz ungefährlich ist und dass Kleinkinder so etwas nun mal nicht wissen. Aber natürlich behielt ich das fur mich.

Sie untersuchte seine Hand. Und da war er: ein kleiner Blutfleck. Wirklich. Er war minimal. Stecknadelkopfgroß. Und das sage ich nicht, weil mein Kind das Beißende war. Sie holte sofort das Desinfektionsspray aus der Tasche (Himmel, ich Rabenmutter habe so etwas noch nicht einmal dabei) und wiederholte, dass Beißen ganz gefährlich sei. Erst versuchte ich, den Jungen zu erreichen, um ihm zu sagen, dass Minime ihn nicht mit böser Absicht gebissen hat, aber irgendwann sagte ich nichts mehr, weil mir alles zu viel erschien für den Jungen und Minime. Ich blieb völlig deplatziert neben der (hysterischen?) Mutter stehen – die Minime und mich dann komplett ignorierte. Aber ich wollte mich vergewissern, dass es ihm gut ging. Und zeigen, dass es für mich nicht egal ist, wenn Minime beißt. Aber der Dame schien das völlig Wurst zu sein. Sie nahm dann ihren Sohn und dampfte ab. Ohne ein weiteres Wort. Ich hätte mich ihr gegenüber gern noch einmal entschuldigt. Dass es dem Jungen gut ging, konnte ich sehen, da er irgendwann wieder anfing, uns anzulächeln. Aber der Mutter hätte ich gern, so von Mutter zu Mutter, gesagt, dass ich es natürlich nicht toll finde, dass mein Kind beißt. Aber es trägt auch keine Schuld. Niemand trägt schuld an dieser Situation. Oder doch ich? Hätte ich verhindern sollen, dass Minime zu nah an den Kinderwagen tritt?

Ich habe gelesen, dass Beißen eine Form der Kommunikation ist. Kleinkinder, die wie Minime mit ihren 18 Monaten noch nicht richtig sprechen und sich verständlich machen können, kommunizieren auf andere Art. Manche schubsen, andere schreien, andere kneifen und manche beißen. Wenn sie etwas wollen, wenn ihnen jemand etwas weg nimmt oder ihnen zu nahe tritt oder sie von ihren Gefühlen überrollt werden. Runzelfüßchen und Susanne Mierau schreiben darüber. Beißen als Form von Liebesbekenntnis – das kannte ich von Minime bereits. Aber ein anderes Kind beißen. Das ist neu.

Seit der Situation auf dem Spielplatz konnte ich nicht verhindern, dass Minime zwei weitere Kinder beißt – ein Fremdes am See und gestern gleich zwei mal eins einer lieben Freundin bei ihr Zuhause. Zum Glück ohne weiteres Blutvergiessen. Seitdem überlege ich hin und her – gehe ich mit ihr raus? Kann ich es wagen andere Kinder zu treffen mit ihr? Aber ich möchte Minime auch nicht isolieren oder sie stigmatisieren. Wenn wir andere Kinder sehen, weiche ich Minime ab sofort nicht mehr von der Seite. Greife immer ein, wenn ein anderes Kind zu nahe kommt. Versuche es zumindest.

Zum Glück haben mir zwei liebe Freundinnen gesagt, dass sie als Kinder auch gebissen haben. Sie sind wundervolle Frauen geworden und haben soziale Kontakte. Minime wird also nicht als Einzelgänger durch das Leben ziehen müssen. Trotzdem. Ich fühle mich, als wäre ich dieser Situation nicht gewachsen. Ich wollte nie die Mutter des Kindes sein, das beißt. Habe ich versagt? Logisch denkend weiß ich, dass es nichts mit meiner bisherigen Fürsorge zu tun hat. Aber doch fühlt es sich so an.

Es ist eine Phase. Und ich bete dafür, dass sie schnell vorbei geht.

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