„Vegan macht dich zur Pussy“

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München, August 2014, Interview mit Surdham Göb:

Der Linoleumboden ist quietschgrün. Rechts neben der blauen, schweren Eingangstür thront ein schwarzer Smeg-Kühlschrank. Die blankgeputzte Edelstahl-Kochinsel in der Mitte des Raumes ist das Herzstück der Küche. Hier passiert die Magie, wenn Surdham Göb kocht. Und wenn er kocht, dann ohne Ei, ohne Milch, ohne Fleisch, ohne Fisch.
Vor der modernen Fensterfront brausen im Minutentakt die Züge vorbei. Surdham sitzt mir gegenüber an einem großen, hellen Holztisch in der Ecke seiner „Büro-Küche“. Sein braun gebranntes Gesicht beginnt zu strahlen, wenn er von seinen veganen Reisen spricht. Surdham Göb ist kein Unbekannter in der veganen Kochszene. Obwohl oder gerade weil er kein eigenes Restaurant führt, ist er quasi das Geheimrezept unter den Vegan-Köchen. Nach Stationen in Indien, New York, San Francisco und Hawaii, wo er die Kultur der Länder und Wellen erforschte und natürlich kochte, betreibt er in seiner Heimatstadt München eine Catering-Firma, gibt vegane Kochkurse, hält Vorträge und berät Gastronomiebetriebe bei der Umstellung auf eine vegane oder biologische Küche.
Damit liegt er voll im Trend. Schätzungen des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) zufolge leben derzeit über acht Millionen Vegetarier in Deutschland, rund 1,3 Millionen davon ernähren sich vegan – das sind mehr Menschen als in Frankfurt am Main leben.

Im August 2014 ist Surdham’s drittes Kochbuch erschienen. Seine Küche ist geprägt von seinen Weltreisen, fremden Kulturen, West und Ost. Ein Lieblingsrezept habe er nicht.
Er zeigt mir dafür sein allererstes Kochbuch. Es ist ein einfaches Ringbuch mit rotem Cover. „Das Revolutionäre Kochbuch“, welches er in den 80er Jahren als junger, veganer Punk für drei Mark erstand, beginnt mit „Eine Schlachtszene“.
Damals war Surdham ein Exot – von der Familie aber gut akzeptiert. Er kochte für Freunde und die Familie vegan, nur unterwegs erfuhr er Widerstand. „Da waren die Leute einfach so »du Spinner« und so. Wobei ich mich auch viel in den Punkrock-Szenen bewegt hab und da waren die Leute einfach happy und sagten »saugeil, der Surdham hat gekocht.«“
Fleisch und Fisch habe Surdham schon als Kleinkind verweigert. Ohne wirklich zu wissen warum. „Ich war immer ein komplizierter Esser. Milch, Butter, Käse und das Zeug hab ich eh nie gegessen, das fand ich immer eklig.“ Seine Mutter, die aus Indonesien stammt, versuchte ihm püriertes Fleisch unter das Essen zu mischen. „Damals galt ja noch vegan – du bist tot. Auf jeden Fall wollten meine Eltern nicht, dass ich tot gehe und haben mir Fleisch unters Essen püriert.“ Aber diesen Trick durchschaute er schnell. Als er mit elf Jahren während eines Familienurlaub über einen bunten, zauberhaften arabischen Markt in Tunesien lief, die unzähligen Gewürze bestaunte, Datteln und andere exotische Früchte probierte und plötzlich vor einem Stück Rind, welches von Fliegen umschwärmt abhang, stand und seine Mutter ein Stück davon abschneiden ließ, begriff er, woher Fleisch stammt. Und entschied sich dagegen. „So lang ich nicht wusste, diese Kuh, die da hängt, das ist die, die ich ess, hab ich’s gegessen. Als ich gecheckt habe, das ist DIE Kuh, hab ich sie nicht mehr gegessen. Weil dann ist es mutwillig. Davor war es halt einfach ignorance is bliss“.
„Meine Mutter hatte alleine hatte nicht mehr die Kraft sich gegen den kleinen elfjährigen aufzubäumen.“ Ein Jahr später traf er auf die ersten veganen Punks. Und wurde mit 13 Jahren selbst zu einem. Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Früher warst du Veganer und hast deine Tüte Studentenfutter im Rucksack oder selbstgebackene Kekse und aus so einer Zeit komme ich halt, wo man einfach selbst kochen muss und das fand ich das tolle am Veganen. Das industriell produzierte Essen ist das wahre Problem.“
Seine hellblauen Augen lachen verschmitzt, als er sich daran erinnert und darüber berichtet, wie er als 18-jähriger klinkenputzend bei den Münchner Restaurants um eine Stelle in der Küche bat. Ohne Ausbildung, aber dafür mit umso mehr Kocherfahrung aus dem Cateringbetrieb seiner Mutter. Fündig wurde er im Meditationszentrum Osho Tao, wo er bereits nach zwei Monaten vom Salatputzer zum Küchenchef aufstieg. Von dort ging es in die Welt. Immer mit dabei: Ein Messer zum Kochen. „Ich war viel auf der Welt unterwegs und hab immer meine Messer dabei. Und immer wenn das Geld ausgegangen ist, hab ich mich zur Verfügung gestellt.“

Weihnachten vegan?

Weihnachten war für Surdham früher der schlimmste Tag im Jahr: „Wir haben uns alle gestritten und es war ein Riesendrama und am Abend haben wir uns wieder alle vertragen und waren ein Herz und eine Seele.“
Bei Surdham Zuhause gab es kein traditionelles Essen. Erst, seit er selbst vegan kocht, begann er sein eigenes Weihnachtsritual einzuführen. „Ich geh einfach geil einkaufen. Ich schau nicht auf die Preise und ich kaufe mir alles, was ich sonst das ganze Jahr nicht kaufe. Meistens war es so: Die Mama hat gezahlt und ich hab gekocht.“ Surdham hat dann ein „Fünfgang-Menü Deluxe aufgefahren“. „Wir feiern in den Tagen ja Geburtstag und ich find’s geil, wenn man dann einfach fett auftischt.“ Dabei vergisst Surdham aber den japanischen Zen-Spruch nicht, keine Spuren zu hinterlassen. Die Zahlen der veganen Ernährung für Wasser und CO2 sprechen schließlich für sich. „Ich glaub es ist wichtig, die Sachen so zu machen, dass du damit fine bist und, dass du keine Absicht dahinter hast, jemanden zu schaden oder jemandem wehzutun.“ Danach lebt und kocht Surdham. Auf die Frage, warum Menschen vegan leben, lehnt sich Surdham nach vorn und schaut mir in die Augen. „Damit du leichter im Körper bist. Damit dein Körper fit genug ist, um dich aufrecht zu halten. Dass dein Magen nicht nur mit Verdauung beschäftigt ist. Dass dein Verstand zart wird, sag ich jetzt mal und dein Herz weich wird.“ Er lehnt sich wieder zurück. „Ich mein, es ist auch blöd vegan zu sein irgendwie, weil du bist dann nicht mehr tough. Du isst nicht Angst, du isst nicht Blut. Das macht dich auch zur Pussy eigentlich.“
In Surdham’s Idealvorstellung sollte ein Veganer vor allem eins: Happy durch’s Leben gehen. Und gesund. Und Weihnachten vor allem mit einem fetten 5-Gänge-Menü feiern.

Als ich ihn um einen Tipp für Neuveganer bitte, lacht er und sagt: „Kauf dir ein gescheites Buch.“ Beim Lachen blitzt seine sympathische Zahnlücke immer wieder hervor. Und Surdham lacht viel, wenn er mit seinem leicht bayrischen Akzent und dem rollenden „R“ erzählt. „Hab Spaß beim Kochen. Leg dir lustige, gute Musik auf. Mach’s dir nicht zu schwer. Versuch nicht aufzutrumpfen mit etwas, was du nicht kannst, sondern mach lieber das, was du kannst gut.“ In seinen Kochbüchern, die erst aufgrund der hohen Nachfrage nach seinen Rezepten entstanden, verrät Surdham alles, was er weiß und auf seinen Reisen gelernt hat. „Ich habe keine Geheimnisse.“ Denn von einer Chinesin in einem seiner Kochkurse lernte er ein Sprichwort: »Erst wenn du es weitergibst, hast du Platz für was Neues.«

>>Hier kannst du Surdhams fettes Weihnachtsmenü nachkochen. 

Seine Kochbücher sind übrigens durchweg alle toll und absolute Kaufempfehlungen (ob nun für Weihnachten, Geburtstage oder einfach auch mal für sich selbst):

Meine vegane Küche

Vegane Superfoods

Vegan Daily: Vegane Küche für jeden Tag

Vegane Powerdrinks

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