Schlagwort: Stoffwindel

Stoffwindeln – unser Erfahrungsbericht von der Wickelfront

Ich weiß gar nicht, wie ich das erste Mal auf Stoffwindeln gestoßen bin. Wahrscheinlich habe ich auf instagram ein Foto von stylischen Stoffwindeln gesehen und danach blieben sie in meinem Kopf hängen während der Schwangerschaft – das wäre jedenfalls typisch für mich. 🙈😂 Doch auch obwohl sie niedlich gemustert sind, war ich (und alle die ich dazu ansprach) skeptisch. Viel zu großer Aufwand. Viel zu viel Wäsche. Viel zu ekelig. Heutzutage nutzt man schließlich pflegeleichte Wegwerf-Windeln, Wegwerf-Feuchttücher, Einmalunterlagen und parfümierte Wegwerf-Windelbeutel. Absurd also, wenn man scheinbar einen Schritt zurück geht und wie die eigenen Eltern und Großeltern, arbeitsintensive Stoffwindeln nutzt. Wie oft hörte ich „Mensch Kind, damals mussten wir täglich die Mullwindeln auskochen – was für eine Arbeit!“.
Aber irgendwie blieb ich dran (vielleicht wegen diesen tollen Mustern!?) informierte mich, suchte im Internet nach Erfahrungsberichten und siehe da: Es gibt Menschen, die heutzutage trotz des vermeintlichen Luxus an Werfwerfwindeln ihre Kinder mit oldschool Stoffwindeln wickeln (und mittlerweile kann man Stoffwindeln ja sogar bei dm kaufen…). Es fanden sich sogar in meinem Freundeskreis zwei junge Mamis, die von ihren Stoffwindeln überzeugt waren. Der Herzmann ließ sich letzten Endes auch überzeugen, dass wir ganz undogmatisch einen Stoffwindelversuch wagen. Und nun wickeln wir unsere Tochter, die aktuell ein halbes Jahr jung ist, mit Stoffwindeln und sind bisher sehr zufrieden. Hier nun also unser kurzer Erfahrungsbericht über unseren absurden Schritt zurück:

Newborn Stoffwindel Culla di Teby

Newborn Stoffwindel Culla di Teby

Die unterschiedlichen Systeme bei Stoffwindeln

Kurz vor der Geburt ließen der Herzmann und ich uns bei der lieben und kompetenten Leen von Fratzhosen, einem Stoffwindel-Shop bei Augsburg, beraten und die unterschiedlichsten Systeme vorstellen. Denn bei der ganzen Recherche wird man erst einmal überrollt von Fachbegriffen. PUL, AIO, Hybridwindeln, Prefolds, Onesize, Pocketwindeln, Überhosen… Bei den ganzen Abkürzungen und Fachbegriffen sah ich die Windel vor lauter Systemen nicht mehr.
Aber um es kurz und verständlich zu machen – letzten Endes gibt es zwei grundsätzliche Systeme:
Das sogenannte All-in-One (AiO), quasi die Pampers aus Stoff – außen eine wasserdichte, atmungsaktive PUL-Schicht (Polyurethan laminated) und innen ein fest eingenähter Saugkern. Dieser Saugkern kann je nach Marke aus Baumwolle, (Mikro-)Fleece, Bambus oder Hanf bestehen (sie unterscheiden sich in ihrer Saugfähigkeit, Geschwindigkeit beim Trocknen und dem „Komfort“ am Babypopo). Die AiO ist auch ähnlich leicht in der Anwendung wie eine stinknormale Pampers: Windel auf, Baby rein, Windel zu, fertig. Bis auf den Unterschied, dass die AiO natürlich nach Gebrauch gewaschen werden kann / muss und sie nicht direkt im Müll landet. Apropos Müll: Im Krankenhaus benutzten wir zwangsläufig die dort zur Verfügung gestellten Produkte und das sind neben Feuchttüchern eben auch Pampers und wir waren über die Unmenge an Müll echt schockiert. Was da allein an einem Tag für ein Haufen zusammen kommt!
Beim zweiten System setzt sich die Stoffwindel aus mehreren variablen Bausteinen zusammen: Einer Überhose, die ebenfalls aus PUL besteht (es gibt aber auch welche aus Wolle, die sind dann natürliche nicht vegan), und saugfähigen Einlagen, die nicht wie in der AiO fest vernäht sind, sondern die man selbst einlegen oder auch einknöpfen (damit sie nicht verrutschen) kann. Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten – vom Ikea-Waschlappen (nicht gerade nachhaltig und meiner Meinung nach nicht sehr saugstark) über sogenannte Prefolds (vorgefaltete Einlagen) bis zu selbstgenähten Einlagen aus alten Textilien ist alles erlaubt. Zudem kann man natürlich völlig old-school mit Mullwindeln wickeln oder eine Höschenwindel (komplett aus saugfähigem Stoff) und dann eine Überhose drüber ziehen, damit die Babykleidung trocken bleibt.
Übrigens: Ein großer Vorteil von Stoffwindeln gegenüber Wegwerfwindeln sind die festsitzenden Beinbündchen bei den Überhosen – diese lassen im seltensten Fall etwas durch, so dass es kaum zu Unfällen kommt.
Wir haben direkt bei unserem Beratungstermin bei Fratzhosen für den Anfang ein kleines Testpaket mit unterschiedlichen Systemen gekauft, da wir nach der Beratung nicht sicher waren, welches System sich im Alltag für uns am praktischsten anbietet. Die AiO’s schienen einfach in der Anwendung, aber hier muss immer die gesamte Windel gewaschen werden und sie brauchen dadurch sehr viel länger beim trocknen, da der Saugkern mit der Überhose vernäht ist. Und die Baukasten-Systeme unterschieden sich natürlich im Material, der Saugfähigkeit und der Passform (und den Designs…)… Qual der Wahl also…

Nach einer etwa einmonatigen Testphase entschieden wir uns für ein Baukastensytem: Die Pop-in der britischen Marke Close. Es ist ein Stoffwindelsystem, bei dem die Einlage (Bambus oder Mikrofleece) in die Überhose (mit doppeltem Beinbündchen!) eingeknöpft wird. Wenn die Einlage nicht komplett durchnässt ist, muss man nur die Einlage wechseln und kann die Überhose noch einmal verwenden. Die Pop-in gibt es in Newborn und Onesize: Durch Knöpfe an der Überhose kann man die Größe dieser einstellen und so soll die Windel von Geburt bis zum Töpfchen passen – das bedeutet One-Size. Und sie haben sich mittlerweile auch schon bei Magen-Darm-Durchfall bewährt – nix quoll aus der Windel raus (man hört ja manchmal Horrorgeschichten bei denen der Windelinhalt bis zum Hals hoch quillt…), puh!

Pop-in von Close

Pop-in von Close

Ein kleiner Nachteil der Stoffwindeln: sie machen nicht gerade einen schlanken Babypopo und Leggins oder Skinnyjeans passen dem Nachwuchs dann „leider“ nicht. Dafür gibt es aber ganz coole Pumphosen – sie sind auch für Nähanfänger leicht zu nähen oder man kann sie in vielen Designs zum Beispiel bei dawanda kaufen.

Das Waschen von Stoffwindeln – kein Hexenwerk

Wir haben mittlerweile 22 Pop-in’s von Close: zwei Close Pop-in 5er Box Sparpakete á fünf Stoffwindeln und die restlichen zwölf sind gemustert einige davon haben wir von unseren Freunden und Eltern geschenkt bekommen und von unserem Testpaket noch eine Totsbots Bamboozle Höschenwindel, zwei PUL-Überhosen (Milovia und Flip) und drei totsbots PeeNut Einlagen. Dazu haben wir zwei AiO’s: die anavy und eine Bambino Mio, die wir von einer lieben Freundin geschenkt bekamen (die es eben mittlerweile auch bei dm zu kaufen gibt).
Mit dieser Menge müssen wir nur ein Mal die Woche waschen. Die verschmutzten Stoffwindeln lagern wir so lange in einer Einkaufskiste. Anfangs hatten wir weniger Pop-Ins und mussten öfter waschen. Wenn dann Waschtag war, wurden die Windeln in der Maschine zuerst einmal nur gespült, wenn die Windeln stark verschmutzt waren mit Muttermilchstuhl. Dann füllte ich die Maschine mit Handtüchern, Mulltüchern und allem, was bei 60° gewaschen werden kann auf, und startete die Buntwäsche bei 60°. Mittlerweile machen unsere Windeln die Maschine ganz voll, so dass nichts anderes mehr rein passt. Deswegen starte ich auch gleich die Buntwäsche ohne Vorspülen.
Die gelben, hartnäckigen Muttermilchstuhl-Flecken gehen beim Waschen meist nicht raus, aber wenn man alles in der Sonne zum Trocknen aufhängt, verschwinden auch diese Flecken wie auf magische Weise und alles ist wieder strahlend weiß. Und das wars auch schon!

Stoffwindeln waschen in Frankreich

Stoffwindeln waschen in Frankreich

Jede Windel zählt

Wer jetzt denkt „alles schön und gut, wenn man Zuhause mit Stoffwindeln wickelt, aber was mache ich mit der vollen Stoffwindel unterwegs?“, dem sei gesagt, dass man nicht gezwungen wird, Vollzeit mit Stoffwindeln zu wickeln. Es gibt Menschen, die nachts und/oder unterwegs mit Wegwerfwindeln wickeln, oder nur im Urlaub Stoffwindeln nutzen. Für unterwegs gibt es übrigens sogenannte Wetbags aka wasserdichte Windeltasche, in denen die vollen Stoffwindeln luftdicht zurück nach Hause transportiert werden können und die auch richtig chic aussehen 😉.
Auch wir wollten es anfangs undogmatisch halten und verwendeten so oft wie möglich Stoffwindeln. Wenn es aber mal nicht geht, dann reißen wir uns kein Bein aus. Bei einem verlängerten Wochenende in einem schönen Familienhotel im Allgäu, als unser Nachwuchs neun Wochen alt war, stiegen wir auf Wegwerfwindeln um, da wir dort keine Waschmöglichkeit hatten. Auch haben wir die ersten zwei Monate nachts Wegwerfwindeln genutzt, weil wir dachten, die seien auslaufsicherer (bis wir eines besseren belehrt wurden). Bei einem längeren Urlaub bei meinen Eltern entschieden wir uns dann, komplett nur noch Stoffwindeln zu nutzen.
Bei unserem mehrwöchigen Elternzeit-Roadtrip durch Frankreich und Spanien haben wir nun also unsere Pop-ins dabei und werden sie unterwegs auch weiterhin waschen. Mittlerweile haben wir festgestellt, dass Minime auf Wegwerfwindeln reagiert – nach 30 Minuten in einer Wegwerf-Schwimmwindel war sie feuerrot. Aber: Egal wie oft oder weniger oft man mit Stoffwindeln wickelt – jede Windel zählt.

Stoffwindeln an der Wäscheleine

Stoffwindeln an der Wäscheleine

Mein Zwischenstand nach sechs Monaten

Das Wickeln mit Stoffwindeln ist für mich persönlich kein größerer Aufwand. Klar müssen die Windeln ein wenig „vorbereitet“ werden und können nicht einfach aus der Packung entnommen werden, aber ganz ehrlich – Windel auffalten, Einlage reinschieben, evtl. Windelvlies drauf, fertig. Das mache ich meist schnell, wenn unsere Tochter frisch gesäubert (natürlich einfach mit Wasser und Waschlappen) auf dem Wickeltisch fröhlich „unten ohne“ strampelt. So kommt auch gleichzeitig frische Luft an den Po – der bisher übrigens nur ein einziges Mal ein klein wenig wund war.
Mittlerweile ist der „Schritt zurück“ zu den Stoffwindeln gar nicht mehr absurd, bzw. gar nicht aufwendig für uns, sondern stinknormaler Alltag geworden. Vielmehr ist für uns der Wegwerf- und Konsumwahn in der Babyindustrie zur Absurdität geworden. Wenn wir einmal eine normale Wegwerfwindel nutzen (wie beim verlängerten Wochenende oder beim Kinderarzt), dann bin ich immer über die Parfümbombe erstaunt, die beim Eintreffen der Ausscheidungen in der Windel explodiert… apropos Ausscheidungen. Durch die Stoffwindeln bin ich auf das Thema Windelfrei gestoßen und das praktizieren wir so oft es geht. Aber das ist ein anderer Beitrag irgendwann…
Die Stoffwindeln haben in der Anschaffung natürlich einiges gekostet – eine einfache Wegwerfwindel kostet 15 bis 20 Cent, eine Stoffwindel etwa 20 bis 30 Euro, je nach System. Schaut man sich aber die gesamte Wickelzeit eines Babys bzw. Kleinkindes an, benötigt man etwa 6.000 Wegwerfwindeln für insgesamt 1.500-2.000 Euro oder eben 30 Stoffwindeln für 900 Euro.
Wir haben uns aber nicht aus den finanziellen Gründen für Stoffwindeln entschieden, sondern weil wir unserem Baby etwas Gutes tun möchten: Wir hinterlassen keinen Müllberg an Windeln und halten so gut wie möglich Chemie und Parfüm von ihrem Po fern. Ausserdem kann man die Stoffwindeln gebraucht wieder gut verkaufen oder auch bei einem zweiten und dritten Kind noch einmal nutzen, wenn man sie gut pflegt. Unser Testpaket an Neugeborenenwindeln haben wir lieben Freunden verliehen, die demnächst ihren ersten Nachwuchs erwarten und vielleicht auch Stoffwindeln nutzen werden…
Und mal abgesehen davon: eine Wegwerfwindel braucht über 500 Jahre, bis sie verrottet. Ach ja, und es gibt ziemlich stylische Designs – auch mit Einhörnern und Regenbögen… 🙃

Stoffwindeln kann man übrigens überall gut kaufen – es gibt sie gebraucht im Internet und in diversen Onlineshops, beispielsweise:
Fratzhosen
Stoffywelt
dm
Close Pop-in bei amazon